Die Weiße Stadt zum Anschauen

Street View ist eigentlich eine tolle Sache: von zu Hause aus kann man durch die Straßen fremder Städte (oder auch der eigenen Stadt) schlendern. Für Tel Aviv gibt es diese Funktion bisher nicht. Schade. Wer sich Tel Aviv dennoch genauer ansehen will und so schnell nicht dorthin kommt, dem empfehle ich eine sehr schöne Reportage über die Weiße Stadt aus der SWR Mediathek. Das Einbetten auf diese Seite ist leider nicht möglich, zum Ansehen der Reportage deshalb hier klicken.

Die Weiße Stadt – Bauhaus-Architektur/International Style in Tel Aviv

Mit der Weißen Stadt wird jener Teil der Mittelmeermetropole Tel Aviv bezeichnet, dessen Bebauung von etwa 1930 bis 1948 im sogenannten Internationalen Stil (heb. הסגנון הבינלאומי [ha-signun ha-beynle´umi]) bzw. inspiriert vom Bauhaus-Stil errichtet wurde. Sowohl der Internationale Stil als auch der Bauhaus-Stil werden als zwei Strömungen der Moderne betrachtet, die sich nicht eindeutig voneinander abgrenzen lassen und vielmehr ineinander übergehen. Obwohl es weltweit zahlreiche andere Beispiele für diesen Architekturstil gibt (beispielsweise die Römerstadt und die Siedlung Westhausen in Frankfurt/Main, die Weißenhofsiedlung in Stuttgart sowie Gebäude in Warschau und anderen Städten) weist keine andere Stadt eine größere Konzentration an Gebäuden auf, die im Internationalen Stil erbaut wurden, als Tel Aviv. In Israel wird meist von Bauhaus-Architektur gesprochen, obwohl diese Bezeichnung eigentlich nicht ganz korrekt ist.
Die Weiße Stadt besteht aus etwa 4000 Gebäuden und ist in drei Zonen unterteilt: das Stadtzentrum Lev ha´Ir (לב העיר, wörtlich: Herz der Stadt), daran angrenzend die Central White City und die Northern White City. Vor allem die Northern White City wurde zum Teil wesentlich später erbaut (etwa Ende der 1940er bis Anfang der 1960er Jahre) als die beiden anderen Zonen, die bereits ab den frühen 1930er Jahren bebaut wurden.
Im Jahre 2004 wurde die Weiße Stadt Tel Aviv von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Die Nominierung beinhaltet zudem die sogenannte Bialik-Area, ein in das Stadtzentrum Lev Ha´Ir hineinreichendes, relativ kleines Viertel. Die Bialik-Area wurde überwiegend ab den 1920er Jahren bebaut. Die Architektursprache der Gebäude des Viertels ist teilweise stark vom Eklektizismus beeinflusst, andere Gebäude wurden im Art-Deco-Stil errichtet. Ein nicht unerheblicher Teil wurde jedoch im Internationalen Stil erbaut.
Die Listung der Weißen Stadt als Weltkulturerbe erfolgte gemäß den Kriterien II und IV (vgl. http://whc.unesco.org/en/decisions/718):

  • Criterion (ii): The White City of Tel Aviv is a synthesis of outstanding significance of the various trends of the Modern Movement in architecture and town planning in the early part of the 20th century. Such influences were adapted to the cultural and climatic conditions of the place, as well as being integrated with local traditions.
  • Criterion (iv): The new town of Tel Aviv is an outstanding example of new town planning and architecture in the early 20th century, adapted to the requirements of a particular cultural and geographic context

Für die Nominierung als Weltkulturerbe war folglich nicht nur die Präsenz einer beträchtlichen Anzahl an Gebäuden des Internationalen bzw. des Bauhaus-Stils entscheidend. Vielmehr ist es die Adaption von Architekturstilen, die in anderen gesellschaftlichen und vor allem klimatischen Bedingungen entstanden, in einen völlig neuen Kontext – das mediterrane Klima des Nahen Ostens und die Bestrebung, eine neue Gesellschaft aufzubauen – und eine umsichtige Stadtplanung, die sowohl dem geographischem Umfeld als auch der gerade entstehenden israelischen Gesellschaft Rechnung tragen sollte. Erst diese beiden Aspekte – eine damals außergewöhnlich vorausschauende Stadtplanung und eine an veränderte Verhältnisse angepasste Architektur – machen letztlich die Bedeutung der Weißen Stadt von Tel Aviv als Weltkulturerbe aus.

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